0ffener Brief zur Gentechnik im Obstbau an das Julius-Kühn-Institut in Pillnitz, Frau Dr. Hanke
Arbeitsgruppe Gentechnik im Pomologen-Verein e. V.
An das
Julius Kühn-Institut,
Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen (JKI)
Institut für Züchtungsforschung an gartenbaulichen Kulturen und Obst
Frau Prof. Hanke, Herrn Dr. Flachowski
Pillnitzer Platz 3a
01326 Dresden
12.02.2008
Offener Brief zum Thema Risiken der Gentechnik im Apfelanbau
Sehr geehrte Frau Professorin Hanke, sehr geehrter Herr Dr. Flachowsky!
Aus
Sorge über mögliche gesundheitliche Risiken der Gentechnik für Mensch
und Tier sowie aufgrund der Gefahr einer Beeinträchtigung der Natur,
stehen der Pomologen-Verein und die Unterzeichner diesem Thema kritisch
gegenüber.
Wir beziehen uns mit diesem Schreiben auf Ihre
Veröffentlichung „Welche Risiken sind beim Anbau von gentechnisch
veränderten Apfelbäumen zu erwarten“, erschienen im „Forschungsreport
1/2006“ des Bundesministeriums für Forschung und Technologie, sowie auf
Ihre – Frau Prof. Hankes – Risikobetrachtungen zur Gentechnik im
Apfelanbau aus dem Jahre 2003, publiziert unter www.biosicherheit.de.
Da
wir davon ausgehen, dass Ihre Veröffentlichungen zum Thema Gentechnik
im Obstanbau von Politikern wahrgenommen und zur Entscheidungsfindung
im politischen Raum herangezogen werden, wenden wir uns mit einem
Offenen Brief an Sie.
Wir begrüßen es, wenn bei der
Gentechnikforschung am Institut für Obstzüchtung in Dresden-Pillnitz
auch Sicherheitsfragen im Fokus der Forschung stehen. Ihre
Schlussfolgerungen bezüglich der Beherrschbarkeit des Risikos einer
unkontrollierten Ausbreitung gentechnisch veränderter Apfelsamen sind
unseres Erachtens jedoch wissenschaftlich und aus Sicht obstbaulicher
Praktiker nicht haltbar. Dies möchten wir im Folgenden näher ausführen:
Die
Auffassung, dass der Aufwuchs von gentechnisch veränderten Apfelsamen
innerhalb bewirtschafteter Erwerbsobst-Anlagen eher unwahrscheinlich
ist, teilen wir. Was aber passiert, wenn Bienen, Hummeln und andere
Insekten die Apfelbäume in der Umgebung von GVO-Obstanlagen mit dem
Pollen der gentechnisch manipulierten Apfelsorten befruchten oder wenn
Vögel und Kleinsäuger die mit den Früchten in der Anlage anfallenden
GVO-Samen in die Umgebung tragen?
Sie begegnen diesen
Befürchtungen mit folgendem Argument: „Auch außerhalb der obstbaulich
genutzten Flächen ist eine solche ‚Auswilderung’ unwahrscheinlich, da
Apfelbäume in unserer genutzten Kulturlandschaft kaum
Aufwachsmöglichkeiten haben.“ Diese Aussage deckt sich nicht mit
unseren Erfahrungen. In den deutschen Obstanbaugebieten findet man an
Böschungen, Straßenrändern und sonstigen nicht intensiv genutzten
Flächen in großer Zahl unkontrolliert aufgewachsene
Apfel-Zufallssämlinge. Die Sortenexperten des Pomologen-Vereins e.V.
werden jedes Jahr aufs Neue damit konfrontiert, wenn sie Früchte
solcher Zufallssämlinge auf Apfeltagen zur Sortenbestimmung vorgelegt
bekommen.
Auch die Behauptung: „Die Entstehung von Sämlingen in
bewirtschafteten Obstanlagen und Kleingärten kommt nicht vor.“ (Hanke,
2003), deckt sich nicht mit unseren Beobachtungen. Ganz im Gegenteil:
gerade private Kleingärtner haben zu allen Zeiten Zufallssämlinge in
ihren Gärten aufwachsen lassen. So sind seit Jahrhunderten neue
Apfelsorten entstanden.
Weiter schreiben Sie: „An Waldrändern,
wo ausreichend Licht vorhanden ist, könnten Samen auskeimen. Aber es
ist eher unwahrscheinlich, dass aufgrund von Umweltbedingungen und
Konkurrenz in Pflanzengemeinschaften solche Bestände entstehen. ...
Wenn dies die Regel wäre, müssten wir nicht die heimische Wildart Malus
sylvestris, den Holzapfel, schützen und kartieren, sondern es gäbe
ausgedehnte Wälder“. Auch diese Schlussfolgerung ist unseres Erachtens
falsch: Dass die Apfel-Wildart Malus sylvestris heute selten geworden
ist, liegt gerade daran, dass sie an den ihr zusagenden Standorten in
der Regel durch Kulturapfelsorten verdrängt wurde (oder mit diesen
bastardisierte), und nicht an grundsätzlich fehlenden
Aufwachsmöglichkeiten.
Im Falle eines Anbaus gentechnisch
veränderter Apfelsorten enthielten solche Zufallssämlinge künftig
möglicherweise gentechnisch veränderte Erbanlagen.
Nicht
nachvollziehbar ist für uns darüber hinaus insbesondere, dass Sie bei
der Beurteilung des Ausbreitungsrisikos von gentechnisch veränderten
Apfelsamen ihren Fokus ausschließlich auf die bewirtschaftete
Obstanlage und ihre Umgebung richten. Gänzlich unbeachtet lassen Sie
die Tatsache, dass die gentechnisch veränderten Äpfel selbst – wenn sie
in größerem Maßstab angebaut und gehandelt werden – gentechnisch
verändertes Erbgut in viel größerem und völlig unkontrollierbarem
Ausmaß in die Welt tragen werden. Sie schreiben: „Die Bestrebungen der
auf dem Gebiet der Gentechnik arbeitenden nationalen Gruppen richten
sich ... eher auf die Verbesserung einer Weltmarktsorte. Dazu muss man
wissen, dass lediglich vier Apfelsorten die Weltproduktion bestimmen“
(Hanke, 2003).
Ist jedoch auch nur eine einzige gentechnisch
veränderte Weltmarktsorte erst einmal im Handel bzw. an der Ladentheke
allgemein erhältlich, haben wir in kürzester Zeit Milliarden
von
gentechnisch veränderten Samen, die von den Konsumenten nach dem
Verzehr auf den Kompost, an den Straßenrand oder sonst wohin
ausgespuckt oder weggeworfen werden.
Weitere Milliarden von
gentechnisch veränderten Apfelsamen werden mit der von den
Plantagenbesitzern an die Mostereien gelieferten B-Ware im Trester
landen, der wiederum in die Landschaft gekippt, ans Vieh verfüttert,
zur Anzucht vermeintlicher "Wildapfel"-Mischungen herangezogen wird etc.
Schon
heute stehen an Eisenbahnlinien, Autobahn-Parkplätzen, an Landstraßen
und Wanderwegen und in Naturschutzgebieten ungezählte solcher aus
weggeworfenen Apfelresten spontan aufgelaufenen Zufallssämlinge. Dazu
einige Beispiele:
- Allein auf einem Streckenabschnitt von
rund 50 Kilometern an den Autobahnen A7 und A 44 im Raum Kassel /
Paderborn stehen mindestens 25-30 solcher Apfelgebüsche, die kaum
auffallen und nur zur Zeit der Obstblüte sichtbar werden.
- In
Berlin sind längs der Bahntrassen und der Straßen tragende
Apfelsämlinge (ebenso wie diverse Aprikosen-, Pfirsich-, Pflaumen-,
Süß- und Sauerkirsch- oder Birnensämlinge) allgegenwärtig.
-
Sämlinge diverser Kulturäpfel werden an naturnahen Standorten
inzwischen des öfteren fälschlich als Wildsippen angesehen (z.B. in den
Auwäldern bei Leipzig).
- Entlang der Eisenbahnlinien in
Deutschland sind solche Sämlingspopulationen ebenfalls verbreitet. Sie
wurden von uns beobachtet und dokumentiert u.a. im Raum
Sangerhausen/Südharz, im Raum Bernburg/Saale und im Raum
Witzenhausen/Nordhessen.
- An der Burgruine Hohenstaufen bei
Göppingen steht mitten im Landschaftsschutzgebiet, umgeben
ausschließlich von Laubwald, mindestens ein halbes Dutzend solcher
Apfelsämlinge.
- Tuis Visser, ehemaliger Mitarbeiter des
niederländischen Obst- und Gartenbauinstituts in Wageningen, zählte
entlang der Spazierwege durch die Dünen der Insel Schiermonnikoog im
Jahr 2001 über 300 wild aufgelaufene Apfelpflanzen, die dort aus
weggespuckten Apfelkernen entstanden sind. Und das, obwohl er schätzt,
dass „ca. 10000 Kerne aus einigen Tausenden von Kerngehäusen notwendig
sind“, um auf der ehemals apfelfreien Insel „einen einzigen gut
wachsenden Sämling im Dünengebiet zu finden“ („Die wilden Äpfel von
Schiermonnikoog“, Hrsg. Vermeerderingstuinen Nederland, Horst 2001,
S.14).
In einer Zukunft mit gentechnisch veränderten Apfelsorten
würden solche – aus weggespuckten Kernen entstandenen – Apfelgebüsche
dann in aller Welt gentechnisch verändertes Erbgut enthalten und dieses
über die Bestäubung weiter verbreiten. Die unkontrollierte Ausbreitung
des GVO-Erbguts wäre nicht mehr zu beeinflussen.
Zu den hier
geschilderten Ausbreitungswegen kommen weitere, die Sie in Ihren
Veröffentlichungen ebenfalls nicht berücksichtigen:
- Zu allen
Zeiten haben sich Obstliebhaber in den Obstanlagen von Instituten
interessante neue Sorten als Reis mit nach Hause genommen, sei es
erlaubterweise, sei es unerlaubt „unter der Hand“.
- Das gleiche
kommt auch in den Obstanlagen der Erwerbsobstbauern vor: dort nehmen
sich nicht nur Besucher mal Reiser mit, sondern auch die zahlreichen
Erntehelfer z.B.
- aus Osteuropa. Diese würden das transgene
Erbgut in einer Zukunft mit Gentechnik ebenso wie die Apfelkonsumenten
(oftmals ohne es zu wissen) in alle Welt tragen. Um die Haus- und
Kleingärten dieser Landarbeiter gibt es dann jedoch keine
100-Meter-Abstände und "Schutzpflanzungen" mehr, um die Ausbreitung des
gentechnisch veränderten Apfel-Erbguts einzudämmen!
Unsere hier
ausführlich dargestellten Erfahrungen lassen die Risiken, die mit einem
Einsatz der Gentechnik im Obstanbau verbunden sind, in einem gänzlich
anderen Licht erscheinen, als in Ihren Veröffentlichungen. Einer
Stellungnahme zu unseren Ausführungen von Ihrer Seite sehen wir mit
Interesse entgegen.
Mit freundlichen Grüßen
Arbeitsgruppe Gentechnik im Pomologen-Verein e.V.
Martina Adams, Hans-Joachim Bannier, Joachim Brauss, Sabine Fortak, Herbert Ritthaler, Gertrud Walenda,
Folgende Unterzeichner schließen sich an:
ABL - Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft
Agrar-Bündnis
Bioland
BÖLW - Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft
BUKO Agrar Koordination
BUND - Bund Umwelt und Nauturschutz Deutschland
Demeter
Fördergemeinschaft Ökologischer Obstbau
Gäa - ökologischer Landbau
Gen-ethisches Netzwerk
Gentechnikfreie Regionen in Deutschland
Greenpeace
Mellifera
NABU Bundesfachausschuss Streuobst
NABU Bundesgeschäftsstelle
Bundesverband Naturkost/Naturwaren
Ökologischer Ärztebund
VEN - Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt
Zukunftsstiftung Landwirtschaft
regional:
Aktionsbündnis für gentechnikfreie Landwirtschaft in Sachsen
Aktionsgemeinschaft Sachsen gentechnikfrei
AG Streuobst
BUND LV Brandenburg
Grüne Liga
Sambucus
Slow food Dresden